Donnerstag, 4. April 2013

Er.

ER IST ALT, hat graues Haar und selbst davon nicht mehr viel. Ich sitze ihm in diesem kleinen, geschichtsträchtigen Kaffeehaus gegenüber und beobachte ihn dabei, wie er seine  Hand zu der Kaffeetasse führt, trinkt und flucht, weil der Kaffee doch so brennheiß ist. Seine Hände sind trocken, rau und die Adern treten hervor. Man sieht ihnen die harte Arbeit der vergangen Jahre an.  Als er bemerkt, dass ich schon seit Minuten auf seine Hände starre, fragt er mich was los sei. Nichts, erwidere ich. Ich freue mich ihn zu sehen, der Stress der letzten Wochen hat unsere Treffen fast unmöglich gemacht. Ich glaube, er war sogar traurig und enttäuscht, dass ich so oft keine Zeit für ihn gefunden habe. Ich schaue auf meinen Espresso, der so tiefschwarz ist, dass sich sogar mein Gesicht in ihm spiegelt. Der Duft steigt mir in die Nase. Ich  nehme die Tasse, trinke und fluche, weil der Kaffee doch so brennheiß ist. Er lacht. Seine Mundwinkel ziehen sich nach oben und es bilden sich kleine Grübchen in den Wangen.  Ich mag es wenn er lacht und erzähle ihm diesen uralten Witz von den Kannibalen und dem Clown. Er lacht noch mehr. Und ich beginne zu Lachen, da er lacht. Und auf einmal lachen wir beide so laut, dass schon alle anderen Gäste im Lokal zu uns hinüber sehen. Aber das macht uns nichts. Wir sind keine Spießer. Wieder trinkt er, aber diesmal bläst er vorsichtig, damit er sich die Zunge nicht noch einmal verbrennt.  Er fragt mich wie es mit der Schauspielerei läuft und ich antworte ihm, dass ich mich wenn es gut laufen würde, nicht von ihm auf Kaffee einladen lassen müsste. Er lächelt. Ich frage ihn wie es seinen Freunden aus der Kartenspielerrunde geht, wohin er mich schon oft mitgenommen hatte und mich voller Stolz seinen Freunden präsentierte. Gut sagte er, und fügte traurig hinzu, dass ein alter Freund aus ihrer Runde unlängst gestorben sei. Ich schweige. Das nagt an ihm. Ich kenne ihn nun schon so lange und weiß mittlerweile, dass der Tod seiner Freunde ein großes Problem für ihn ist. Er sieht mich an und ich merke, dass er das Thema wechseln möchte.                 Ich ziehe den Block aus meiner Umhängetasche und suche den Bleistift in ihrem Inneren. Nachdem ich alles gefunden habe beginnt er zu erzählen, vom Krieg. Ich schreibe alles auf, denn es ist doch so wichtig zu wissen wo man her kommt und zu wissen, was die eigenen Vorfahren erlebt haben.  

Mein Kaffee ist kalt und ich trinke widerwillig den letzten Schluck.  Als ich auf meine Uhr blicke, merke ich, dass ich dringend los muss. Aus meiner Geldbörse krame ich einen zerknitterten Fünfeuroschein um zu zahlen, doch er ist schneller. Ich danke ihm, dass er mich wieder einmal eingeladen hat. Bis bald, sage ich und verlasse das Café.

Ich stehe auf dem Grab und um mich sind lauter Leute die tieftraurig aussehen. Alle tragen sie schwarz und blicken auf den Boden. Es ist ein komisches Gefühl hier zu sein. Am liebsten würde ich mich irgendwo im hintersten Winkel unseres Hauses verkriechen und still vor mich hinweinen. Ich will, dass mich keiner findet und sie mich alle in Ruhe lassen. Ich will Zeit für mich haben, um ihn zu vermissen. Sein Tod kam unerwartet, er hat nichts von seiner Krankheit erzählt.  

Als keiner hinschaut verlasse ich den Friedhof und renne in die Stadt zu dem kleinen Kaffeehaus, wo wir immer gesessen sind. Ich sitze nur da, starre in die Luft und weine leise. Die Tränen laufen mir das Gesicht hinunter. Ich beginne auf einer Serviette zu schreiben: Er war alt, hatte graues Haar und selbst davon nicht mehr viel…  

©Clemens Fröschl  2013

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